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Voll im richtigen Film!

13.07.2014: Zwei „Helden“: Odysseus und Äneas, ein Kriegsheimkehrer und ein Flüchtling. Der eine will endlich nach dem langen, schließlich nur durch List siegreich beendeten Trojanischen Krieg nach Hause, der andere ist Kriegsverlierer und erhält in seiner brennenden, zerstörten Heimatstadt den göttlichen Auftrag, mit seiner Familie zu fliehen. Doch nach einem 10-jährigen Krieg fängt für beide eine lange, gefährliche, entbehrungsreiche, manchmal sehr unglückliche Zeit erst an.

Odysseus und Äneas sind die Hauptfiguren zweier großer antiker Epen, unterm Strich über 20.000 Verse lang. Bekommt man die in einer knappen Stunde unter? Die Schülerinnen und Schüler der „Irrfahrten-AG“ von Herrn Conrad haben sich daran versucht: die Originaltexte gelesen, entscheidende Szenen herausgesucht, Parallelen zwischen den beiden Geschicken entdeckt, umgetextet, neu geschrieben und eine sehr knappe, schnittreiche, pointierte Gegenüberstellung der beiden Heldengeschichten erstellt: ein wirklich spannendes, tolles Stück!

Aber fangen wir beim Anfang an: Da sitzen zwei sehr gut aussehende It-Girls, aus Sektkelchen Nektar schlürfend, am Spieltisch und ratschen über vergangene Matchs. Göttinnen natürlich, für die die Geschicke „ihrer dummen Menschen“ nichts weiter sind als ein unterhaltsames Brettspiel (zu 100% überzeugend dargestellt von Anna Krause und Friederike Steifensand). Dass sie die Namen ihrer menschlichen Rennpferde ganz schnell wieder vergessen, ist nicht weiter schlimm, denn die eine hat schließlich alle Ausgaben ihres „Olympos-Abos“ aufgehoben und nimmt gleich das Troja-Special zur Hand, wo sie und ihre Freundin sich in die Steckbriefe vertiefen: Äneas, 1,80 m, blond, Witwer, oooh ...

Dann treten sie auf, die beiden Helden, und im Folgenden begleiten wir jeden von ihnen in etlichen kurzen Szenen vom Ende des Trojanischen Krieges über ihre langen Irrfahrten nach Afrika und zu den Phäaken bis schließlich zu ihrer Heimkehr. Besonders viel Raum nehmen dabei ihre „Frauengeschichten“ ein: Odysseus, von Philipp Krause als selbstbewusster, aber auch einfühlsamer Mann dargestellt, landet als Schiffbrüchiger am Phäakenstrand und trifft dort, zerlumpt und verdreckt, auf die junge Nausikaa. Eine von mehreren Stellen, an denen die Verfasser humorvoll mit dem Originaltext umgehen: Während Odysseus, um sich vorzustellen, umständlich den kompletten Musenanruf aufsagen will (die ersten zehn Verse der Odyssee), würgt ihn Nausikaa bei der Hälfte mit einem „Mensch, was ist denn mit dir los?“ ab und bringt ihn mit einem knackigen „Ich bin Nausikaa und ich wohne hier“ auf Phäakenspur.

Ach diese Nausikaa, hinreißend temperamentvoll gespielt von Anna Philipp, hat es faustdick hinter den Ohren: Ihre Freundinnen, gleich potentiellen Rivalinnen, mit denen sie zum lästigen Wäschewaschen am Strand war, schickt sie ganz schnell nach Hause, als das eindrucksvolle Mannsbild Odysseus auftaucht. Liebe auf den ersten Blick, ganz klar. Sie ist begeistert, schwärmt, stellt den Fremden ihren Eltern wie einen Bräutigam vor – und ist furchtbar getroffen, als er ihr eröffnet, er wolle weiterziehen, nach Hause, zu seiner Ehefrau. Nausikaas Vater nimmt ihre Liebe nicht ernst – „Das Temperament der jungen Mädchen!“ –, doch Odysseus versteht, versucht sie zu trösten, sie davon zu überzeugen, dass sie nicht zum letzten Mal liebt, sondern einen Mann ihres Alters finden wird. Und Nausikaa schafft es trotz widerstreitender Gefühle, Odysseus beim Abschied etwas weh Lebwohl zu wünschen.

Ganz anders verläuft die Liebesgeschichte zwischen dem eher zackig auftretenden Alpha-Männchen Äneas (Felix Bossong) und der stolzen Königin Dido, der Vanessa Niemitz tatsächlich etwas Gereiftes, Ernstes und leicht Schwermütiges zu verleihen vermag. Solche Rollen zu spielen, ist für Jugendliche eigentlich die reine Unmöglichkeit, und normalerweise kommt unfreiwillige Komik dabei heraus. Hier unterstützt gleich am Anfang die Musik (am Flügel: Tizian Raschpichler). Dramatische Klänge untermalen Didos Strandspaziergang am Morgen nach dem Sturm, wo sie den verletzten Äneas findet und ihm Asyl gewährt. Liebe und Leidenschaft treffen sie jäh durch Amors Pfeil (natürlich stecken wieder die Götter dahinter, diese Spielfreaks!), und die Liebe findet wiederum durch göttlichen Befehl ein Ende. Dido ist außer sich, fühlt sich gedemütigt, betet um Rache, stiftet ewige Völkerfeindschaft und nimmt sich das Leben.

In der Unterwelt kommen die beiden Handlungsstränge – der des Odysseus und der des Äneas – erstmals zusammen. Beide suchen hier Rat, begegnen ehemaligen Kriegskameraden und Freunden. Für Äneas ist es der größte Schock, unter den Toten Dido zu finden, die sich ihm entzieht. Erst hier begreift er, was er ihr angetan hat, die Tragweite seines Verrats, der aus seiner bisherigen Sicht doch notwendig war, geboten aus Gehorsam gegenüber den Göttern.

Die Schildszene – Venus überreicht Äneas einen Schild, auf dem wichtige Stationen der Römischen Geschichte dargestellt sind – hätte man auch weglassen können, zu statisch für die Bühne, zu klein sind auch die Einzelheiten auf dem erkennbar mit Mühe gefertigten Schild. Aber das mögen Zuschauer, die weiter vorne sitzen, anders beurteilen.
Übrigens, was heißt hier weiter vorne? Die Bühne ist ein Oval mitten in der Aula, gespielt wird also in der Arena eines Amphitheaters, und nicht nur dort, sondern auch auf allen Zuwegen. Insofern sitzen wir alle mal „weiter vorne“, in unmittelbarer Nähe von Leichnamen und Schwertern. Beachtlich, wie gut wir auf allen Plätzen sämtliche Haupt- und Nebendarsteller verstehen können! Bei der ersten Aufführung des Stückes am Dienstagabend gilt dies nur mit Einschränkungen, doch bei der Vormittagsaufführung am Donnerstag vor einem größeren, sehr jungen Publikum sprechen alle Schaupieler von Beginn an mit der nötigen Ruhe und sind exzellent verständlich.

Bei den Zuschauern kommen die Brechungen und komischen Momente besonders gut an, zum Beispiel ganz am Schluss die Heimkehrszene, bei der die beiden Stränge zusammengeführt werden. Tränenreiche Wiedervereinigung? Nein, Odysseus bemerkt plötzlich, dass ihm da nicht Penelope und Telemach gegenüberstehen; er und Äneas rufen gleichzeitig aus: „Wir sind im falschen Film!“, tauschen Plätze und begehen nun mit den Richtigen das glückliche Wiedersehen.

Begeisterter Applaus von einem besonders in der Vormittagsveranstaltung musterhaft aufmerksamen Publikum. Vielleicht hat das die zweite Aufführung so besonders lebendig und gut gemacht? Die gute Beziehung zum Publikum? Alle Übergänge sind hier noch flüssiger, die Spielfreude ist bei allen Darstellern unübersehbar. Vielleicht hat sich die Kompagnie auch einfach freigespielt. Jedenfalls großer Respekt und herzlicher Dank an alle Mitwirkenden! Weiter so!

Und noch ein Tipp für alle Irrfährtler, falls ihr am kommenden Wochenende (18.-20.7.) noch nichts vorhabt: Da läuft in Braunschweig das Selberfilmfestival „durchgedreht24“, und wenn ihr euch den Trailer 2014 anschaut, werdet ihr sehen, dass nicht nur Odysseus und Äneas, sondern auch Juno, Merkur, Dido & Co. da genau im richtigen Film wären. ( www.durchgedreht24.de). Na los ... Was in 50 Minuten geht, könnt ihr auch in 5 Minuten, oder? Macht bestimmt Spaß!

Ulrike Hauswaldt

 

Einladung und Plakate zum Stück

Fachgruppe Alte Sprachen

 

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